Ein Tag: Lebenslänglich

Wie “nicht hart genug” kann eine Strafe sein, von der sich der Normalbürger keine Vorstellung macht?

von Riif-Sa

„Da ist ja überall Platz für Drogen. Und Fernsehen haben die auch. Ein Skandal.“ Sagt die dicke Frau mit der Dauerwelle. „20 Stunden am Tag auf acht Quadratmetern. Das kommt meinem Leben schon ziemlich nah.“ Sagt der junge, blasse Mann mit der Brille. „Hoffentlich können die armen Schweine wenigstens hier rauchen.“ Sagt ein junges Mädchen. Sie hat einen kurzen Rock angezogen, ein schwerer Fehler, wie sich später herausstellt. Als wir über die wackelige Brücke zum zentralen Aussichtsturm gehen, können einige der Gefangenen aus den unteren Zellen dem Mädchen mit viel Phantasie unter den Rock sehen. Es regnet Pfiffe und obszöne Bemerkungen. Das Mädchen rettet sich in den Turm und der bullige Justizvollzugsbeamte ruft nach unten: „Ruhe Achim! Benimm dich anständig.“ Gefangene und Beamte sind offenbar per du. Ich kann es verstehen. Einige von beiden Parteien kennen sich seit über 15 Jahren.

„Es gibt außer uns nur wenige Personen, mit denen ein Langzeithäftling regelmäßig Kontakt hält“, erzählt der Beamte. Je länger man hier ist, desto weniger Besuch bekommt man. Die Freundin oder die Frau, die einen am Anfang der Haftstrafe noch regelmäßig besuchte, kommt irgendwann immer seltener und beginnt, sich anders zu benehmen. Gedanken schießen einem durch den Kopf und spätestens, wenn man den letzten Brief oder die Scheidungspapiere in der Hand hält, dann hat man Gewissheit. Es ist endgültig. Man kann nichts dagegen tun. Man kann sie nicht um Verzeihung bitten. Telefonate werden nicht entgegengenommen, Briefe bleiben unbeantwortet. Die Kinder kommen auch nicht mehr, leben eigene Leben. Schämen sich vielleicht für dich. Was werden sie erzählen, wenn man sie nach dir fragt? Was werden die Eltern erzählen? Schämen auch sie sich für ihr eigen Fleisch und Blut? Irgendwann werden sie älter und sterben. Du erfährst es aus Briefen oder am Telefon. Du kannst nicht an ihrem Sterbebett sein und ihnen beistehen. Du kannst dich nicht von ihnen verabschieden, darfst nicht auf die Beerdigung und auch nicht auf den Friedhof. Du sitzt im Knast.

Du hast einem Menschen das Leben genommen und die volle Härte des Gesetzes hat dich getroffen. Du hast in die trauernden Augen der Verwandten geschaut und konntest ahnen, was sie dir gewünscht haben. Der Hammer fällt, Im Namen des Volkes, Lebenslang. Dein Anwalt hat dich darüber aufgeklärt, dass du nach frühestens 25 Jahren einen Antrag auf Hafterleichterung stellen kannst. Und dann schließt sich das schwere Stahltor hinter dir. Mit kalter Routine läuft alles ab, wie beim Arztbesuch. Die Beamten raten dir, kooperativ zu sein und keinen Ärger zu machen, dann wäre es einfacher für dich. Du lachst und spottest, denn du bist jung. Du kannst nicht wissen, dass sie Recht haben. Unmöglich für dich zu zählen, wie viele Türen auf- und wieder zugeschlossen werden, bis du schließlich in deiner Zelle bist. Der Beamte schließt die Tür hinter dir, seine Schritte entfernen sich, werden leiser… und dann bist du alleine. Nur du und deine Zelle.

„An diesem Zeitpunkt setzt der Effekt der Strafe ein. Der Verurteile beginnt, über seine Tat nachzudenken. Wir bekommen das auch mit. Die Gefangenen müssen ja zwangsläufig mit uns reden. Bei manchen dauert es länger, bei manchen geht es schnell, aber nach fünf Jahren haben 90 Prozent aller Mörder ihrer Tat spätestens bereut. Der Rest wird nie Einsicht zeigen und uns weiterhin jeden Tag verpredigen, dass sie zu Unrecht hier seien.“ Der Beamte blickt aus dem Fenster des Turms und ich folge seinem Blick. An fast jeder Zelle ein Gesicht, sie beobachten uns. Wir sind eine Sensation und vermutlich noch für eine Woche Gesprächsthema, besonders das junge Mädchen, das grade herzhaft gähnt.

Nach fünf Jahren ist dein Zeitgefühl nicht mehr viel präziser als eine Sonnenuhr an einem trüben Tag. Du weißt weder, welcher Tag heute ist, noch welcher Monat. Du hast schon lange aufgehört, deine Tage bis zur möglichen Hafterleichterung zu zählen. Du weißt, dass es noch ungefähr 20 Jahre sein müssen, denn du weißt auch nicht mehr so genau, wie lang du eigentlich hier bist. Vor allem aber verschwimmt der Grund. Du verlierst langsam aber sicher den Bezug zu deiner Tat, zu dem Opfer. Dein eigenes Mordmotiv erscheint dir wie ein Witz, sofern du dich noch daran erinnern kannst. Jedoch verurteilst du dich selbst. Ganz gleich, warum du getötet hast, du siehst ein, dass es das nicht wert war.

„Wenn es nach mir ginge,“ sagt der Beamte, und er spricht dabei leiser, als dürfe das nicht jeder hören, „dann wäre das der richtige Zeitpunkt, um auch einen Mörder freizulassen und den Versuch zu unternehmen, ihn wieder zu integrieren. Denn nachdem der Täter jeden Bezug zu seiner Tat verloren hat, beginnt er, zu degenerieren.“ „Zu was?“ fragt das junge Mädchen und ich bin überrascht, dass sie immer noch zuhört. „Er baut ab. Vorwiegend psychisch. Am Anfang will man dem entgegenwirken. Man nutzt jede Möglichkeit, seine Zelle zu verlassen. Zum Sticken, in die Werkstatt, oder in die Küche. Einige waschen die Autos der Beamten für ein paar Euro. Andere machen einen Schulabschluss oder eine Ausbildung, doch irgendwann sind die Optionen verbraucht und man stellt fest, dass es immer noch zehn Jahre sind, bis man vielleicht eventuell… na ja, und da baut man eben ab. Manche drehen durch, so entsteht die Gewalt im Gefängnis. Manche geben aber auch einfach auf. Allein letztes Jahr gab es 20 Selbstmordversuche hier im Haus.“

„Das ist nur gerecht!“ ruft die dicke Frau mit der Dauerwelle. „Verteidigen Sie diese Menschen auch noch? Immerhin haben sie ein Leben ausgelöscht. Wenn es nun Ihr Kind wäre, das tot ist. Würden Sie dem Mörder nicht den Tod wünschen? Würde es Sie interessieren, wie es ihm hier drinnen geht?“ Vermutlich nicht, aber ich weiß nicht, was ich sagen würde, wenn er mich plötzlich nach fünf Jahren um Verzeihung bitten würde, vielleicht in einem Brief. Wie weit gehen die Zeit der Trauer um das Opfer und die Zeit der Strafe für den Täter miteinander? Was ist eher abgeschlossen? Vielleicht würde ich mir anhören, was er zu sagen hat, jetzt, nachdem ich hier war. Aber das sind nur meine Gedanken, der Beamte hingegen weicht geschickt aus.

„Daran möchte ich nicht einmal denken, aber wir haben uns in diesem Land nun einmal gegen die Todesstrafe entschieden, also müssen wir auch weiterdenken. Man müsste sich mehr Gedanken darüber machen, wann eine Tat wirklich gesühnt ist und ich finde, die Hinterbliebenen sollten dabei große Entscheidungskraft haben. Denn nachdem der Täter den Bezug zur Tat verloren hat, sind es die Hinterbliebenen, für die der Täter im Gefängnis sitzt. Ich glaube…“ er überlegt kurz, „…nein, ich weiß, dass nach fünf bis zehn Jahren einige Hinterbliebenen der Meinung sein werden, dass es bessere Wege zur Sühne gibt als hinter Gittern zu verrotten, sehen wir mal von den eben genannten zehn Prozent ab.“ „Was sind das für Leute?“ fragt der Blasse mit der Brille.

„Psychisch Kranke, politische Mörder und natürlich Serienmörder.“ „Also nur psychisch Kranke.“ Sage ich, denn ich fühle mich schon die ganze Zeit so, als müsste ich den Mann irgendwie unterstützen. Er lacht kurz und nickt. Dann führt er uns aus dem Turm heraus.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ihnen eines der wertvollsten Güter wegnehmen, ihre Freiheit. Viele Leute sagen, dass es den Gefangenen viel zu gut geht, doch stellen Sie sich einfach vor, Sie wären 20 Stunden am Tag in einem acht Quadratmeter kleinem Raum gefangen. Sie können keine Spaziergänge machen, nicht einkaufen gehen, Freunde einladen. Sie können nicht essen, wann Sie wollen und auch nicht, was Sie wollen. Sie können nicht abends in eine Kneipe gehen oder in eine Disco. Sie haben keine Chance, sich zu verlieben, zu heiraten oder Kinder zu haben.“ „Das alles kann ein Mordopfer auch nicht.“ Sagte die dicke Frau mit der Dauerwelle. „Das stimmt und daran darf immer wieder gern erinnert werden. Ich sage nichts mehr dazu, jeder kann für sich selbst entscheiden, ob das gerecht ist oder nicht. Es ist schwer und ich bin froh, dass ich mir weder Strafen ausdenken noch Urteile fällen muss.“

Wie laufen einen überhellen Gang entlang und unsere Schritte hallen noch durch die Gittertür im Zellenblock hinter uns nach. „Wie viel verdienen Sie hier eigentlich?“ fragt die junge Frau mit dem kurzen Rock. „Nun, jetzt da Sie wissen, worüber man hier drinnen gezwungenermaßen nachdenkt, müsste ich wohl sagen, nicht genug.“ „Für mich bleibt es dabei, es sind vorrangig Mörder und keine Menschen mehr.“ Ich muss nicht hinsehen um zu wissen, von wem diese Bemerkung kommt und der Beamte auch nicht. Während er uns die Tür zum Innenhof öffnet, bemerkt er: „Nun, wenn man hier arbeitet, sieht man den Mörder und den Menschen in einer Person und, wie gesagt, man sieht auch, wie der Mörder im Menschen immer mehr an Bedeutung verliert.“ Es ist düster und neblig, als wir den Innenhof betreten. Viele Gefangene sitzen an ihren Fenstern und pfeifen wieder dem Mädchen hinterher. Die streckt einem der Insassen die Zunge raus, was ein paar „Komplimente“ und ein paar deutliche und obszöne Aufforderungen zum Geschlechtsverkehr einbringt. Ich fasse mir an den Kopf, als die Stimme des Beamten losdonnert: „Weg von Fenster, sonst war’s das mit Hofgang für diesen Monat!“ Augenblicklich ist das Fenster leer. Er dreht sich um und lächelt uns an, als hätte er eines seiner Kinder zu Bett gebracht. Dann winkt er seinem Kollegen in der Wache zu und das schwere Stahltor öffnet sich eine Türbreit.

„Noch etwas zum Nachdenken, weil wir von Gerechtigkeit sprachen. Ich habe Ihnen erzählt, was mit einem Menschen passiert, der lebenslänglich bekommen hat. Was er fühlt, denkt und was aus ihm wird. Spielen Sie diese Geschichte ruhig noch einmal durch, versetzten Sie sich in den Gefangenen, nur stellen Sie sich dieses Mal vor, Sie sitzen alleine in der Zelle in der sicheren Gewissheit, völlig unschuldig zu sein.“ Das sitzt und ich weiß jetzt schon, dass mich dieses Gedankenspiel noch den ganzen Tag beschäftigen wird. Wir treten durch die Öffnung nach draußen. Der Beamte lächelt sanft. „Ich würde ja auf Wiedersehen sagen, aber ich hoffe ehrlich, dass ich keinen von Ihnen jemals wieder sehe.“

Damit winkt er seinem Kollegen erneut und quietschend beginnt sich das Tor zu schließen. Ich bleibe stehen, drehe mich um und sehe mir all die Fenster an. Jedes Fenster eine eigene, kleine Welt. Und jeder Weltenbesitzer wäre sofort bereit, mit mir zu tauschen, obwohl ich im Nieselregen stehe.

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Mörder oder Menschen?

Das Gute suchen im Bösen?

Wo endet die Sühne und wo beginnt die Unmenschlichkeit?

Alles wie immer eine Frage des Standpunktes. Jetzt, nach dem Besuch einer Justizvollzugsanstalt, habe ich einen Standpunkt. Vielleicht habe ich in zehn Jahren einen anderen, aber ich will nicht darüber nachdenken, was bis dahin alles passiert sein könnte.