Elenore und die Frage “wann und wo?”

Auf der Glasscheibe bewegte sich ein weiblicher Körper, ausgestattet mit allen Attributen einer Frau. Elenore sah nicht hin, mochte ihn nicht sehen, fand keine Beziehung mehr zu diesem erwachsenen Spiegelbild des Kindes, das sie noch hätte sein wollen.

Sie hätte sich dabei erinnert, wie es war als sie beobachtete, wie sich ihr T-Shirt an der Vorderseite zu wölben begann. Ein scheues, heftiges, stolzes Interesse an ihrem Frauwerden hatte sie erfaßt. Das einzige, was sie jetzt noch interessierte, war wann und wo sie den nächsten für sie wichtigen Schuß bekommen konnte.

Sie war sich klar: für ein Mädchen mit ihrem Aussehen sollte es keine großen Schwierigkeiten geben, das Geld für ihren Kick aufzustellen. Die einzige Hürde lag in ihr selbst, ihrem Ekel vor dem ewigen Sichbefummelnlassen, um an ein paar Scheine zu kommen – wenn man Glück hatte. Der letzte, dem sie es für den erhofften Stoff besorgte, schlug ihr als Lohn ein blaues Auge und servierte sie mit “Fixerschlange” und “Junkiebraut” kalt ab. Gegen solche Typen richtete man nichts aus. Als Junkie ist man selbst in der Illegalität und echte Freunde in der Szene sind selten.

Wieder steht sie da mit dem Kaltschweiß-Schauer, der ihr das Leibchen an die Haut klebt, und spürt das gnadenlose Ziehen in allen Gelenken. Sie muß alle Wachsamkeit aufbieten, deren sie noch fähig ist, auf der Suche nach dem weißen pulverisierten Glück. Wo Heroin zu haben ist, ist auch der Strich, ist Business, sind Junkies, ist vielleicht ein Bekannter, der einmal, einmal nur aushilft – oder wenigstens ein Freier, der ihren Schamdienst auch bezahlt.

Schauen – nicht denken. Nicht an die Jugend denken, die so hoffnungsvoll begonnen hatte, wo man das Leben vor sich und in eigenen Händen zu haben schien. Wo man sich hübsch und begehrenswert werden sah. Jetzt ist sie uralte fünfzehn und spürt sich zugrunde gehen. Hunderte befummelnde Hände und das gierige Geglotze der geilen Böcke, die ihre trenzenden, erhitzten Visagen an ihre Mädchenbrüste legten, um so zu ihrer verklemmten Höchstform aufzulaufen, haben ihr jede Freude an ihrem Hübschsein heruntergeätzt.

Sie haßte sie alle und sie haßte sich selbst. Wann hatte sie das erstemal gedrückt? Es schien ihr unendlich lang her zu sein. In Wahrheit waren es erst ein paar Monate. Eine kleine Fete, ein bißchen Alkohol und Olaf, der immer so cool aussah mit seinen langen Haaren und der Art, die ausdrückte: “mir ist die ganze Scheiße doch egal!”, waren der Weg ins Abseits der Gesellschaft.

Sie reißt sich zusammen. Nicht denken, nur nicht.. Du mußt zusehen, daß du zu was kommst. Rein in die Seitengasse. Da stehen sie auch schon beisammen. Eine ganze Traube Junkies. Die haben, wofür sie ihren Stolz begräbt. Sie wechselt die Straßenseite, geht auf die abgefuckten Typen zu – man nimmt kurz von ihr Notiz, um sich dann wieder dem Geschäft zu widmen. Ein kleiner dunkler hagerer steckt Päckchen in die Hände Vorübergehender und bekommt dafür ein paar zerknitterte Scheine, die schnell zu einem Bündel anwachsen.

Er bemerkt sie und sie signalisiert ihm: ich hab kein Geld. Wart auf mich im Park, winkt er ihr zu. Sie versteht und gehorcht. Dieser Scheißkerl fickt mich bereits. Also nur noch warten, bis er sein Business erledigt hat und dann ab ins Hotel, ihm einen blasen. Zum Ficken sind die meistens zu faul, wenn sie eingeschossen sind. Hoffentlich ist er kein Türke. Die machen immer Ärger.

Endlich kommt er. Ein bißchen klein und nervös für diesen Job. Aber er hat den Stoff, aus dem ihr Leben besteht. Wie sie heißt und was sie sich vorstellt? Ohne Herumgerede erzählt sie vom Affen, den sie schiebt und was sie alles dafür machen würde. Er nickt und sie bewegen sich in Richtung Hotel.

Sie fühlt sich mit Blicken betastet und fürchtet sich vor dem, was sie im Zimmer erwartet. Das erste, was er tut, ist – den Fernseher einschalten. Sie stutzt. Dann beginnt er unverzüglich, vorzubereiten, wofür sie hergekommen ist. Pulver in einem Löffel aufkochen, zwei Spritzen aufziehen. Zum erstenmal sehen sie einander voll an und sie begreift: Der hat dich eingeladen. Ungläubig sieht sie ihm beim Drücken zu, sieht, wie er nach hinten kippt, sich entspannt, den Ausdruck, der sich über sein Gesicht breitet… Dann setzt sie bei sich selbst an und schießt sich die braune Brühe in die Vene.

Sie merkt noch, wie ihr warm wird und ihr die Augen zufallen. Cartoongemecker aus einem Gästefernseher ist das Letzte, was sie in ihrem Leben hört. Sie stirbt wie der Junge an einer Überdosis Heroin, oder ist es eine unerwartet hohe Dosis Achtung? Wann und wo hatte jetzt die Bedeutung verloren!?