Martin Brief Nr. 1

Mein Name ist Martin und egal was ihr sagt – ich brauche keinen Respekt von euch. Jeder weiß, jetzt bin ich am Start.

Ich fühle, was sie fühlen und ich fühle mein Herz ziemlich kalt. Das ist der Grund, warum ich hier täglich diese Zeilen schreibe. Weil nur das Schreiben mich täglich von diesem Scheiß befreit.

Ich wünschte selber, dass alles hier wäre nicht mein Leben. Doch die Vergangenheit kann ich nicht einfach ausradieren. Denn all die Bilder, die ich seh, machen mich traurig hier. Ihr könnt mich alle hassen, ich brauche keinen von euch. Nach Außen Glamour & Glitzer, doch glaubt mir, von innen stinkt es.

Ich habe Feinde da draußen, die glauben, mich zu kennen. Meine Augen sind wachsam & zwingen mich die Dinge zu erkennen. Das ist meine Bestimmung, deswegen wurde ich geborn.

Das ist mein Leben, das ist, was ich sehe. Wie ich fühle, was ich denke und wie ich weitergehe. Das ist mein Gebet, weil ich nicht scheitern will. Und das sind die Zeilen, die ich schreibe, wenn ich einsam bin.

Ich nehm die Bilder, die dich sehe, schreibe sie in Worte. Das sind Zeilen, die ich schreibe, wenn ich einsam bin, denn viele Mütter sind am Weinen, weil sich ihre Kinder verändern.

Viele sind im Knast, und sie beten, dass sie da raus kommen, und viele auf Psychosen, die da selten wieder rauskommen.

Was wollt ihr mir erzählen, ich hab schon viel gesehen. Komm und schau´s dir selber an, der Teufel will hier einfach jeden. Hier gibt’s nichts zu reden und du musst deutlich handeln und ohne Hoffnung nicht lange sich deine Träume halten. Die Sicht wird immer dunkler und keiner reicht dir die Hand.

Ich werde kämpfen, solange der Herr mir Kraft verleiht. Ich nutz die Chance und hoff, dass der Tag die Nacht vertreibt. Das einzige, was mir bleibt, ist hier die Familie. Glaub mir, es gibt so viele da draußen, die auf der Strecke bleiben.

Ich  hab mir geschworen, dass ich mich nie wieder vom Teufel blenden lassen werde – nie wieder kriminell  – ich werde es dieses Mal Schaffen.

Ich habe gelitten und geweint – dachte dass es eine Lehre war.

Ich habe gebetet und gehofft, dass ich aus meinen Fehlern lerne.

Es war eine harte Zeit, die vergesse ich wirklich gerne. Ich hab mir so viel vorgenommen und geplant. Dann wurde ich wieder festgenommen. Wer hätte das geahnt – meine Träume sind so schnell zerronnen. Nach ein paar Monaten wird mir meine Freiheit wieder weckgenommen. Ich wollte es ja so haben.

Als ich raus kam war die Zeit im Knast so schnell vergessen. Draußen fing ich wieder an mich zu schlagen. Jetzt sitze ich wieder hier und fange mich an selbst zu hassen. Doch darf ich den Mut nicht verlieren, sonst kann ich es nicht schaffen!!

Diese Ratlosigkeit, die du hier hast im Knast. Diese quallvolle Zeit, die du hast im Knast. Das ewige Warten auf Wunder. Diese ewigen Tage im Punker.

Doch ich  gebe nicht auf, denn alles geht vorbei – ich komme raus aus diesem Loch und bin dann wieder frei!!

Im Nachhinein wird alles klar und man ist immer schlauer. Man sieht ein, wie alles falsch war und fängt an zu bedauern. Doch jetzt ist es zu spät. Ich weiß genau, wovon ich rede. Du kannst mir glauben, da hilft dir auch kein betteln oder flehen mehr. Ich fang an zu überlegen, wie ich ihn diese Lage kam und begriff, dass ich auf jeden Fall die Schuld daran trage.

Die letzte Zeit wollte ich nicht mehr leben. Doch es musste weiter gehen, denn ich habe schlisslich keine Wahl hier.

Hier musst du hart sein, sonst gehst du vor die Hunde, denn die schwächsten erleben hier ihr blaues Wunder. Ich gehöre nicht zu diesen lauten, die dir irgendwas erzählen von diesem Hass!!

Mein Kopf ist so voll mit Gedanken und Problemen. Von der Hoffnung, die noch kommen soll, ist leider nichts zu sehen. Ich suche wie verzweifelt nach Hilfe oder Erlösung. Alles was hier reinkommt, sind Probleme, die noch grösser werden.

Ich kann nicht einmal sagen, wie die scheisse hier begann. Die vielen Jahre, die mich plagen sollen, fangen gerade erst an.

Sehe morgens schon die Beamten, die auch noch Spaß haben daran, Gefangene

zu behandeln, als wären wir alle geisteskrank.